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Brief aus Vöcklabruck: Familie Berisha

Herr Karl Auer, Vöcklabruck, berichtet uns über das Schicksal einer Flüchtlingsfamilie, mit der er und seine Familie befreundet sind.

Sehr geehrter Herr Genner!
Liebe Mitarbeiter/innen von Asyl in Not!

Ich möchte Ihnen in diesen Brief schildern, wie unmenschlich mittlerweile unsere Asylpolitik geworden ist. Auch ist es für mich und meine Familie völlig unverständlich, wie es möglich ist, dass ein 8jähriges Kind ohne Mutter von der Fremdenpolizei einfach mitgenommen werden kann.

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Der Familienvater wurde 2002 in Gjakove/Kosovo ermordet. Die Mutter lebt mit ihren drei Kindern (Sohn Mirlind 8 Jahre, Töchter Genita 13 u. Fatlinda 15 Jahre) in einem Flüchtlingsheim in Vöcklabruck.

 

Nach dem neuerlichen negativen  Asylbescheid vom 18. Juli 07 stand die Familie Berisha wieder vor der Abschiebung. Rechtsanwalt  Dr. Blum /Linz machte eine Beschwerde beim VfGH&VwGH.

 

Am 22. August 07 um ca. 20.30 kam die Fremdenpolizei zum  Flüchtlingsheim Wegscheider/ Vöcklabruck, um die Familie Berisha abzuholen. Es befand sich jedoch nur der Sohn Mirlind (8 Jahre) dort und wurde von der Fremdenpolizei sofort mitgenommen (ohne Mutter). 

 

Mit welcher ANWEISUNG ist das überhaupt rechtlich gedeckt ? Die Mutter war  telefonieren gegangen und die beiden Mädchen waren bei Bekannten. Ich habe mit der  Mutter Kontakt aufgenommen und sie zum Polizeiposten Vöcklabruck gebracht. 

Die Mutter verbrachte die Nacht auf Donnerstag mit ihrem Sohn in der Zelle. 

 

Für das Mädchen Genita wurde das alles zu viel. Tage darauf zu warten, um abgeholt zu werden oder vielleicht auch nicht, sind Belastungungen, die nicht nur für Kinder kaum tragbar sind. Der Klassenvorstand und ich haben dann beschlossen, sie in das LKH Vöcklabruck zu bringen. Wie soll das alles ein 13 jähriges Kind psychisch verkraften? Es ist für mich unverständlich und  menschenverachtend, dass eine alleinstehende Frau mit drei Kindern ohne Vorankündigung oder Bescheid  der Behörde von der Fremdenpolizei abgeholt wird.

 

Ein Beamter der Fremdenpolizei und seine Kollegin waren sehr nett und haben Frau Berisha  respektvoll behandelt. Sein Kollege jedoch führte die Einvernahme von Frau Berisha einfach mit DU. Das ist doch völlig abwertend einer Frau gegenüber. Am  23. August 07 kam Frau Berisha mit ihrem Sohn zum Erstaufnahmezentrum nach Thalheim/St. Georgen i.A. Als ich dort einen Beamten um Auskunft fragte war seine Antwort: Bist Du a a Kollega?  

 

Was heißt hier DU noch dazu in diesem Wortlaut? Ich glaube, daß mittlerweile die (Asyl)-Behörde jegliches Augenmaß verloren hat, was Menschlichkeit und respektvollen Umgang mit Menschen betrifft. 

 

Die Schule bzw. der Klassenvorstand  haben sich äußerst engagiert eingesetzt. Zur letzten UBAS-Verhandlung wurde eine Reise für die Mitschüler/innen nach Linz organisiert.  Schon im Dezember  2006 (nach dem ersten negativen Bescheid) wurde von den Schülerinnen u. Schülern  eine Unterschriftenaktion für den Verbleib der Familie gestartet. Sie haben auch beim Bezirkshauptmann von Vöcklabruck vorgesprochen. Sie haben nicht nur Zivilcourage und Zusammenhalt  bewiesen, sondern auch gezeigt, daß es eine funktionierende Klassengemeinschaft geben kann, trotz unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen.    

 

Wir kennen die Familie Berisha schon drei Jahre. Unsere Tochter Lena war in der Volksschulzeit eine Klassenkameradin von Genita Berisha. Es entstand eine Freundschaft mit der Familie, auf die wir stolz sind. Wir haben für die Kinder eine Integration auch außerhalb des Asylheimes gesucht. Einladungen bei Geburtstagspartys, Besuch eines Hip-Hop Tanzkurses, Fahrradausflüge, Vöcklabrucker Ferienspass etc. Hier wurden sie mit einbezogen, um ihnen zu zeigen, daß Gleichberechtigung und Integration keine leeren Worte sind.

 

Aber auch für unsere Tochter Lena war es eine wichtige Erfahrung in einem Flüchtlingsheim Freunde zu haben. Wo soziale Spannungen an der Tagesordnung sind und es auch eine gewisse Negativeinstellung in der Bevölkerung gibt.   

 

In der Stadt Gjakova aus der die Familie Berisha kommt gab es im Krieg Vertreibung, Unterdrückung, Misshandlungen, Exekutionen. Was haben die Kinder (hier vor allen die beiden Mädchen) dort alles gesehen und erlebt? Sie wurden während des Krieges in ein Auffanglager nach Albanien gebracht, um wenigstens zu überleben.

 

Seit der ersten Einvernahme im September 2004 sind drei Jahre vergangen. Drei Jahre wo Freundschaften und neue Kontakte geschlossen wurden. Drei Jahre wo die Kinder in einem sozialen Netz der Sicherheit und Zuversicht gelebt haben. Drei Jahre wo ihnen unser Land als offen und frei von Vorurteilen im Schulunterricht vorgestellt wurde.  Drei Jahre der Integration mit der Vorbereitung auf eine möglichst positive Zukunft in unserem Land.

 

Ich hätte nie geglaubt, dass sich so viele Menschen  für diese gute Sache begeistern und dadurch eine Hilfsbereitschaft  hervorgerufen wird, an die ich persönlich gar nicht geglaubt hatte.

 

Dem Satz  in der Ausgabe des Magazin PROFIL / Februar 07 Seite 36 Bericht „Hier geblieben

„Offenbar erscheint vielen Menschen das, was sich im Moment abspielt nicht mehr erträglich“

ist  nichts mehr hinzuzufügen. (Dieser Bericht betrifft auch die Familie Berisha.)

 

Der  Verfassungsgerichtshof  hat  der  Beschwerde,  am  13.  September  07,  die  AUFSCHIEBENDE  WIRKUNG  zuerkannt.

 

Mit freundlichen Grüßen

Familie Karl Auer

Vöcklabruck

 

 

 

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